Erste Schritte. Der Artenschutzbeauftragte Wolfgang Diewald und Naturpark-Rangerin Lea Stier ernten gemeinsam Moor-Klee-Samen, um diese stark gefährdete Art auf anderen geeigneten Standorten in der Nähe auszusäen. Dabei wurde der Seedprofi, eine Maschine zum Ernten von Samen, erfolgreich auf Moorflächen getestet.

Durch den Einfluss des Menschen haben sich Lebensräume von Pflanzen teils drastisch gewandelt. Es gibt Gewinner wie beispielsweise der Löwenzahn, der auf vielen Wiesen zu finden ist und zu den wenigen Arten gehört die mit mehrmaliger Mahd und Düngung gut zurechtkommt. Und es gibt die, welche „abgehängt“ zu sein scheinen, vom Aussterben bedroht sind oder wie die Nickende Kragenblume in Deutschland schon ausgestorben sind. Gerade typische Bewohner von Feuchtgebieten stehen vor einem Problem. Feuchtgebiete sind aufwendig zu bewirtschaften, weswegen diese oft trockengelegt oder aufgeforstet wurden. Auch wenn aktuell versucht wird verstärkt Flächen zu renaturieren und wieder zu vernässen, hat man vielerorts doch sogenannte Inselpopulationen geschaffen, da die Feuchtgebiete isoliert voneinander liegen. Dann wachsen die Pflanzen in einem von ihren Standortansprüchen begrenzenten Gebiet. Die Entfernung bis zu der nächsten geeigneten Fläche können die Pflanzensamen und -pollen nicht selbständig überwinden. Um eine genetische Verarmung zu vermeiden und eine Bestandssicherung zu gewährleisten, kann solchen Pflanzen bei ihrer Ausbreitung geholfen werden.

Ein Beispiel dafür ist der Moor-Klee in der Gemeinde Kirchberg im Wald. Diese stark gefährdete Pflanze ist in Deutschland stark rückläufig. Im Bayerischen Wald ist die gold-gelb blühende Kleeart noch vertreten. Bereits sein Name bringt zum Ausdruck, dass der MOOR-Klee feuchte Standorte besiedelt - unter anderem Hochmoor-Randsümpfe, Zwischenmoore, Feucht- und Nasswiesen.

In der Gemeinde Kirchberg im Wald wächst der Moor-Klee im Naturschutzgebiet Todtenau bereits auf einem idealen Standort. In der näheren Umgebung sind zudem noch weitere interessante Flächen, welche für den Moor-Klee geeignet sein könnten, zu finden. Allerdings ist es für die Samen der Pflanze nicht möglich, diesen Sprung auf die 3 km weit entfernte Fläche aus eigener Kraft zu schaffen. Hierfür braucht er ein Taxi. Ein Taxi, das ihn von A nach B bringt.  Die Rede ist von dem so genannten Seedprofi – einem motorangetriebenen Wiesensamensammler. Hier werden die Klee-Samen aus den Pflanzen schonend in einen Sammelbehälter gebürstet. Dadurch lassen sich besonderes artenreiche Flächen beernten und das so gewonnenen Saatgut kann auf anderen Flächen ausgebracht werden. Bei Kirchberg im Wald wurde nun die Eignung eines solchen Geräts auf Boden mit Moorcharakter getestet. Erfolgreich konnten Samen gewonnen werden, welche anschließend auf einer vielversprechenden Fläche ausgebracht wurden. Bleibt noch abzuwarten, ob und wann die ersten kleinen Moorpflanzen ihre kleinen grünen Blätter Richtung Sonne strecken.

Der Einsatz des Seedprofi ist nicht nur auf die Samengewinnung von bestimmten seltenen Pflanzen beschränkt. Vielmehr ist es möglich auch Saatgut von einer artenreichen Fläche zu gewinnen, dieses über den Winter zu Lagern und anschließend wieder Auszusäen.

„Vielleicht fragen sie sich nun, was dieses Saatgut so besonders macht? Das charakteristische an dem Saatgut ist, dass es von Pflanzen vor Ort gewonnen wurde. Es wird also die heimische Artenvielfalt, welche bestens an diese vorherrschenden Standortbedingungen angepasst ist gesät“, so Rangerin Lea Stier.

Aktuell werden verstärkt Blühflächen für Insekten angesät, was auch sehr erfreulich ist. Aber was ist denn besonders insektenfreundlich für die heimische Tierwelt? Die Vielfalt der heimischen Pflanzen ist insektenfreundlich. Denn ganz wichtig ist: Insekt ist nicht gleich Insekt, auch wenn sie alle 6 Beine besitzen, haben sie dennoch unterschiedliche Ansprüche! Es gibt Arten - wie den Dunklen-Wiesenknopfameisenbläuling – welche auf eine einzige spezielle Wirtspflanze – in diesem Fall den Wiesenknopf - angewiesen sind. Wenn nun also eine Blühmischung mit beispielsweise 25 verschiedenen Pflanzen-Arten ausgesät wird, aber die Wirtspflanze des Dunklen-Wiesenknopfameisenbläulings nicht dabei ist, wird dieser Schmetterling nicht mehr zu finden sein.

Eine einfache Schlussfolgerung ist, für die hier lebenden Insekten eine heimische Blütenvielfalt zu säen. Wie würde das besser gehen, als dass Saatgut von den lokal vorkommenden artenreichen Flächen zu gewinnen. Eine bessere Mischung gibt es nicht. Liegt die Herkunft der Samen auf einem ähnlichen Standort in der näheren Umgebung, so sind auch die Pflanzen bestens an die dortige Temperatur, den Niederschlag und den Verlauf der Jahreszeiten angepasst. Denn Pflanzenpopulationen passen sich genetisch an ihren Standort an. Beispielsweise wird auch der Zeitraum der Blüte genetisch vorgegeben. Pflanzenpopulationen im wärmeren Flachland haben sich über Jahre daran angepasst früher zu blühen. Dadurch können sie mehr Nachkommen reproduzieren, was ein Vorteil für sie darstellt.  Wohingegen Pflanzen in höheren Lagen oder kälteren Gebieten später blühen. Eine zu frühe Blüte könnte durch den Frost gestört werden und die Reproduktion verringern. Diese genetische Anpassung hat über Jahrhunderte stattgefunden und beschränkt sich nicht nur auf den Zeitpunkt der Blüte. Die Anpassungen gehen verloren, wenn Pflanzen aus den verschiedensten Gebieten ausgesät werden. Von lokal gewonnenem Saatgut profitieren also Tiere und Pflanzen.

So die Theorie. Die praktische Ausführung ist oft nicht ganz so einfach und benötigt Zeit. Aktuell trägt der Naturpark Bayerischer Wald potentielle Spenderflächen für die Samenernte zusammen. In Zukunft wäre es wünschenswert, wenn bei noch mehr der neu anzusäenden Flächen auf eine Mahdgutübertragung oder Samen aus der Region gesetzt werden könnte.

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