Blick in die Anfänge des Eisenbahnbetriebs zwischen Gotteszell und Viechtach – Auf holprigen Start folgte rasch ein merklicher Aufschwung

Viechtach. Nach dann 25 Jahren ohne Personenzügen zwischen Gotteszell und Viechtach sollen sie im September 2016 wieder rollen. Der erste Zug auf der Strecke rollte vor 125 Jahren, im Herbst 1890. Andreas Fried vom Verein Wanderbahn im Regental, der seit 1991 Ausflugsverkehr auf der Strecke anbietet, hat in sein umfangreiches Eisenbahnarchiv geblickt und ruft in diesem Beitrag die Anfänge des Eisenbahnverkehrs im Regental in Erinnerung.

Der Herbst des Jahres 1890 war demnach für die Menschen im Raum Viechtach eine aufregende Zeit. Nur eineinhalb Jahre hatte der Bau eines 25 Kilometer langen Gleises zwischen Gotteszell und Viechtach gedauert. Los ging es im März 1889 auf den Viechtacher Pfarrwiesen unterhalb der Kirche. Bagger und andere Maschinen gab es noch nicht. Mühsam nur mit Axt, Spitzhacke und Schaufel mussten viele Arbeiter die Trasse entlang des Schwarzen Regens durch Wälder schlagen und über Wiesen aufschütten.

Besonders schwierig war es, den 64 Meter langen Tunnel bei Böbrach aus Granitstein auszubrechen. Umso größer die Freude, als die Arbeit endlich vollendet war und man zur Eröffnung schreiten konnte. Dabei fehlte noch Manches. In Viechtach zeigten sich die Gleisanlagen unvollständig, ohne Empfangsgebäude und auch das rollende Material hatten die Münchner Firmen Krauss und Rathgeber nicht komplett geliefert. Die erste für den Bahnbau ausgeliehene Lokomotive gehörte der Königlich Bayerischen Staatsbahn.

Zu dieser Zeit waren die Wege im Bayerischen Wald unbefestigt und in miserablem Zustand. Es gab es nur den „Postomnibus“, eine altertümliche Kutsche, die einzelne Reisende zwei Mal am Tag nach Gotteszell und zurück brachte. Die ungemütliche Fahrt dauerte dreieinhalb Stunden. Schnell, bequem und preiswert war Mobilität damals nicht und so blieb der Waidler lieber in seiner vertrauten Umgebung. Die Eisenbahn kannte man nur vom Hörensagen.

Das änderte sich mit der feierlichen Einweihung der neuen Lokalbahn am Sonntag, 26. Oktober 1890. Tags darauf folgte ein großes Programm, zu dem sich um 10 Uhr eine unübersehbare Menschenmenge mit Vereinen, Schülern und Abordnungen aus umliegenden Orten einfand. Nach Aufstellung am Marktplatz marschierte ein langer Festzug hinunter zum neuen Bahngelände, wo geladene Gäste Ansprachen hielten. Der geschmückte Eisenbahnzug wartete mit seiner rauchenden Dampflok, für die Menschen ein noch ungewohnter Anblick. Nach dem Mittagessen im Gasthaus von Anton Schmaus ging es erneut zur bereit stehenden Bahn.

Nun folgte für alle Interessenten eine kostenlose Probefahrt nach Gotteszell, „soweit der Platz reicht“. Doch leider endete die atemberaubende Schnellfahrt mit 30 km/h bereits kurz vor Teisnach. Ein Stück Bahndamm war abgerutscht. Nach längerer Reparatur gab es erst acht Tage später wieder längere Testfahrten, jedoch ohne Reisende. Ab 10. November durften dann Güter transportiert werden und ab 20. November, einem Donnerstag, auch Fahrgäste. Ob es anfangs nur ein paar mutige Männer waren, ist nicht überliefert. Doch schon für das darauf folgende Jahr sind überraschend hohe Zahlen von 108 000 Reisenden und 25 000 Tonnen Fracht, darunter 57 000 Liter Bier, registriert. Umgerechnet saß die bemerkenswerte Zahl von 50 Fahrgästen in jedem Zug! Auch verschwand die kleine Postkutsche, mit der offensichtlich niemand mehr fahren wollte.

Zu verdanken war die weitsichtige Initiative einem erstmals 1884 erwähnten „Eisenbahnkomitee“, das trotz vieler Rückschläge unbeirrt am Ziel einer eigenen Eisenbahn festhielt. Ähnlich wie heute erhielt man damals 1887 in München eine Abfuhr. Der damalige Minister von Crailsheim meinte wörtlich: „Wenn Euch die Bahn so wichtig ist, dann baut sie doch selber!“ – und genau das tat man, anstatt weiter auf den trägen Staat zu warten. Der Bau kostete 1,8 Millionen Mark, relativ wenig für eine 25 Kilometer lange Bahnlinie. Dazu hatte man die Aktiengesellschaft „Lokalbahn Gotteszell – Viechtach A.G.“ gegründet und Anteilsscheine ausgegeben. Allein 200 000 Mark erbrachte die Sammlung durch Kirchenvertreter.

Überhaupt bildeten katholische Kirche und Unternehmer eine Allianz, um Arbeit und Wohlstand in den armen Landstrich zu bringen. Unterstützt wurden sie von den Bürgermeistern Schmid aus Viechtach und Menzinger aus Deggendorf, welcher mit „der Erschließung seines Hinterlands“ wichtige Ämter erhalten wollte.

Zur Initiative gehörten ferner Apotheker Gareis, Kaufmann Sporer, sowie aus Geiersthal der Pfarrer Faltermeier. Der Hauptverdienst gebührte Dekan und Pfarrer Johann Babtist Hennemann aus Böbrach und dem Viechtacher Kooperator Josef Ferstl (später Pfarrer und Ehrenbürger von Plattling), beide aus der Oberpfalz stammend. Dritter im Bunde war der aus Hohenzollern kommende Unternehmer Gustav Werner, der die Teisnacher Papierfabrik gründete und einen Gütertransport per Bahn dringend benötigte.

Kein Wunder, dass die Bahn schon ab dem ersten Jahr Überschüsse erzielte. Übrigens erhielten die beiden ersten Dampfloks Mädchennamen durch ihre Gründerväter. Gustav Werner entschied sich für „MARIE“, seine einzige früh verstorbene Tochter, bekannt als „der gute Engel von Teisnach“. Die katholischen Vertreter wichen elegant auf „ANNA“ aus, die heilige St. Anna in ihrer Kapelle in Viechtach würdigend.vbb 

Am Samstag berichtet der Autor dieses Artikels, Andreas Fried, auf Einladung des Naturparks Bayerischer Wald in einem reich bebilderten Vortrag über „125 Jahre Eisenbahn im Regental – eine Chronik der Bahnstrecke in zirka 350 historischen Fotos“. Beginn ist um 19 Uhr im katholischen Pfarrsaal, der Eintritt ist frei.

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